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Was eine einzige Turbinenumdrehung leistet und warum wir in der Schweiz über das Falsche reden.

Windenergie hat mich lange nicht interessiert. Dann fuhr ich 140 Meter hoch.

Der Aufzug im Turm ist eng. Sehr eng.

Ich fuhr mit Uwe Geisink hoch. Uwe, der schon unzählige Türme hochgefahren ist und neben dem man sich gut aufgehoben fühlt, auch wenn der Turm mit jedem Meter heisser wird. Wie eine langsam fahrende Sauna auf dem Weg nach oben. 140 Meter im sehr langsamen Aufzug, bis ich gedünstet oben ankam.

Durch die Luke raus. Und ich dachte: Mann ist das hoch.

Auf der Gondel der Windturbine in 140m Höhe.

Weniger aus Höhenangst. Eher Staunen über die Dimension des Bauwerks. Die Flügel der Turbine, vom Zentrum aus betrachtet: unglaublich schöne Form. Und dann diese Stille. Blick über Felder, über die Autobahn, in die Weite.

Windanlagen sind nicht wirklich laut. In 200 Metern Distanz ungefähr so laut wie vor einem Kühlschrank. Meist übertönt von anderen Geräuschen. Das weiss fast niemand, der noch nie da war.

Das war mein Moment. Der meine Neugier für Wind weckte.

Besuch des Windparks mit Georg und Uwe

Wie ich zur Windenergie kam

Windenergie war für mich jahrelang abstrakt. Gross, technisch, Versorger-Sache. Nichts das mich persönlich betraf.

Ich kannte Windkraft aus der Distanz: Vogelschutz-Debatten, Lärmthemen, Landschaftsbild, motivierte Gegner. Kein positives Bild. Einfach weit weg.

Dann lernte ich Martina Nigg, Georg Persigehl und Uwe Geisink von Windenergie Schweiz kennen. Ihre Leidenschaft war ansteckend. Und dann folgte der Ausflug zu einem der Windparks: Georg und Uwe luden auf 140 Meter Höhe ein.

Der Rest steht oben, meine Neugier erledigte den Rest.

Mit nur einer einzigen Umdrehung

Ich fing an zu verstehen. Und lernte schnell, dass Windkraft aus dem falschen Blickwinkel diskutiert wird.

Fangen wir mit dem Konkreten, im Alltag erlebbaren, an. Eine moderne Windanlage erzeugt mit einer einzigen Umdrehung rund 8 Kilowattstunden Strom. Klingt abstrakt, also machen wir es greifbar:

Eine Umdrehung reicht für 50 Kilometer im elektrischen 911er. Für 9 Stunden Staubsaugen auf höchster Stufe. Für 8 Waschgänge. Für 1 Tag eines typischen Schweizer Haushalts.

Die Turbine dreht sich nicht einmal pro Tag. Eine solche Turbine erzeugt im Jahr rund 5 GWh, genug für 1'000 Schweizer Haushalte. Je nach Standort und Turbine auch für 2'000.

"Bei einem Windrad gibt es den Moment, wenn die erste Kilowattstunde produziert wird. Die Menschen erleben, wie die Anlage innerhalb von Momenten Megawatt-Leistung produziert. Einfach so, nur durch Wind." Georg Persigehl, Windenergie Schweiz

Das Dream-Team, das kaum jemand kennt

Was mich bei meiner Recherche am meisten überrascht hatte:

Dass Solar zwei Drittel seiner Jahresenergie im Sommer und kaum etwas im Winter liefert, ist hinlänglich bekannt. Weniger verbreitet ist die Erkenntnis, dass Wind zwei Drittel seiner Jahresenergie im Winter liefert. Zusammen versorgen sie die Schweiz über das ganze Jahr: Solar hauptsächlich im Sommer, Wind im Winter und in der Nacht. Die beiden Technologien überbrücken die Jahreszeiten, die Batteriespeicher die Stunden.

Erzeugungsprofile von Wind und Sonne übereinander gelegt. Eine fast perfekte Synergie.

Die Schweiz sucht seit Jahren Lösungen für die Winterstrom-Lücke. Wind ist die einheimische Antwort auf genau dieses Problem.

Und trotzdem haben wir heute in der Schweiz rund 50 Windturbinen. Deutschland hat über 30'000.

Wer integriert denkt, Wind mit Sonne, Speichern, Ladeinfrastruktur und der Elektrifizierung von Wärme, kann sich aus lokal erzeugter Energie versorgen.

Mehr zu integrierten Energielösungen in diesem Artikel: Link

Dezentral ist der Unterschied

Beim Atomkraftwerk hat der Bürger persönlich nichts davon. Es steht irgendwo. Es gehört irgendwem. Er zahlt den Strom und irgendwann die Überraschung, wenn es doch teurer wird oder der Rückbau nicht klappt.

Erneuerbare Anlagen sind kleiner und lokal verfügbar. Das bedeutet: Der Mensch vor Ort kann sie besitzen und davon profitieren.

Die Windanlage steht in deiner Gemeinde. Im Bürgermodell bleiben die Gewinne in der Region, die Energiekosten sinken lokal. Eigentümer statt Konsument.

Das gilt bei Solar genauso, bei Wind wird es zur Gemeinschaftsinvestition. Aus der Region für die Region.

Wir reden am Menschen vorbei

Anders als im Ausland ist Windkraft in der Schweiz noch kaum relevant.

Ich sehe kommunikatives Versagen. Botschaften ohne Relevanz für den Menschen vor Ort. Klimaziele, Energiemix, technische Lösungen. Alles abstrakt und für das Individuum kaum beeinflussbar. Dieser oft beformundende und verkopfte Zugang von Behörden und Versorgern interessiert bei persönlichen Entscheiden niemanden.

Ich kenne dieses Muster. Ich habe es bei Elektroautos erlebt. Ich habe es bei Solar erlebt. Bei Wind ist es nicht anders.

Niemand öffnet sich für ein neues Thema, weil er mit Fakten überzeugt oder bevormundet wurde. Wir brauchen einfache, erlebbare Momente: Ein Gespräch. Ein Erlebnis. Jemanden, dem wir vertrauen, der zeigt: Schau mal hier. Wir müssen den Weg zur Erkenntnis dann selbst gehen können, ohne “begleitetes Denken“.

Selbst der überzeugendste Elektroauto-Fahrer von heute hatte diesen ersten Moment der Unsicherheit. Die erste Probefahrt. Das erste Mal vollladen ohne Tankstelle. Bei Windenergie ist dieser Moment schwerer zu erzeugen, aber möglich. Für mich war es der enge Aufzug und die Stille auf 140 Metern. Für viele wird es die erste Kilowattstunde sein, die einfach so vom Wind kommt.

Was dir das persönlich bringt

Die entscheidende Frage, die zu oft ignoriert wird: Was bringt mir das?

Windanlagen sind kleiner als grosse zentrale Kraftwerke. Die Energiequellen sind lokal. Das heisst: Wir können sie lokal besitzen und betreiben ohne importierte Energieträger.

Stromkosten sinken. Rendite bleibt in der Region. Wertschöpfung und Arbeitsplätze bleiben hier. Winterstrom und Unabhängigkeit vom Import. 50 Kilometer elektrische Reichweite pro Umdrehung.

Das Bürgerwindpark-Modell von Windenergie Schweiz setzt genau hier an. Lokal produzieren und verbrauchen. Lokal Rendite. Der Bürger wird Eigentümer statt Konsument.

“Das Feedback nach ein paar Jahren ist überall dasselbe: Hätte ich doch mehr investiert. Die Beteiligungen sind mittlerweile deutlich überzeichnet.“ Martina Nigg, Windenergie Schweiz

Der Schlüssel ist nicht die Technologie

Die Schweiz hat ambitionierte Ausbauziele für Windenergie. Die Lücke zwischen Ziel und Realität ist gross. Weniger als 1 % des Schweizer Stroms kommt aus Wind. Schlusslicht in Europa.

Der Schlüssel ist nicht die Technologie. Es ist der Mensch vor Ort. Da, wo die Projekte entstehen.

"Es gibt eine grosse, schweigende Masse, die der Windenergie neutral oder positiv gegenübersteht. Ermöglichen statt verhindern: wir sollten uns wieder mehr auf das besinnen." Martina und Georg, Windenergie Schweiz

Wer in seiner Region etwas bewegen will, als Gemeinde, als Unternehmen, als Privatperson, kann heute Teil davon sein.

Mehr zum Modell der Bürgerwindparks

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WAS ICH SEHE, DENKE UND NICHT FÜR MICH BEHALTEN KANN.