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Karin Schäfer: Von der Inneneinrichtung zur Ladelounge

Du sitzt beim Laden im Auto statt in einer Lounge? Gute Ladetechnik trifft auf schlechtes Erlebnis. Karin hat die Antwort und verbindet zwanzig Jahre Inneneinrichtung mit Ladelösungen. Passt nicht zusammen? Tut es und jeder E-Fahrer weiss es.

Kaffeehalle Solothurn

Karin hat ihren LinkedIn-Account zurück. In China war der Zugang kurzerhand abhanden gekommen. Beim letzten Treffen im Herbst, Energie Cluster Event, hatte ich von ihr etwas von Containern, Design und Ladeinfrastruktur aufgeschnappt. Ich wollte verstehen, was es damit auf sich hat.

Also schreibe ich und wir treffen uns zum Kaffee.

Inneneinrichtung trifft auf E-Mobilität

Loeb. Interio.Girsberger. Hauser Design. Zwanzig Jahre Inneneinrichtung im oberstenPreissegment. Karin weiss, wie Lebensqualität in vier Wänden funktioniert.

Die Kreative, die in Geschäftsmodellendenkt. Banking, Konsumgüter, Luxus. Immer mit Umsatzverantwortung. Heute Miteigentümerinim Bereich E-Mobilität, frisch ausgebildete Verwaltungsrätin undSparringspartnerin für Unternehmer, die nachhaltige Geschäftsmodellewirtschaftlich zum Fliegen bringen wollen.

Dann E-Mobilität. Sun2wheel, TCS, FlexEVility. Der Wechsel ergibt Sinn, wenn man versteht, worum es beim Schnellladen eigentlich geht: um die zwanzig Minuten beim Stopp.

Diese zwanzig Minuten sind heute oft schlecht.

Egerkingen, Mövenpick, Supercharger

Mein erstes Model S und der Supercharger Egerkingen? Gratis laden, reingehen, Eis bestellen. Bis der Service nicht mehr mithielt. Der Tesla war voll, bevor das Eis da war und später sogar bevor die Bestellung aufgenommen wurde.

Immer mehr Tesla-Fahrer blieben im Auto. Ein Gastrobetrieb mit hunderten zahlungsbereiten Kunden vor der Tür, der diesen Business Case nie von der PowerPoint am Hauptsitz auf die Lounge und die Bar vor Ort übertragen hat.

Karin nickt. Nur weil am Standort ein Restaurant steht, heisst das nicht, dass das Ladeerlebnis passt. Schau beim Ladepark in die Autos. Sitzen viele drin, werden Chancen liegen gelassen.

Im Regen stehen lassen

Warum ist da kein Dach?

Karin schreibt mir diese Nachricht von unterwegs beim Laden im Regen. Und da ist etwas dran.

Wer zum Beispiel in Dietikon lädt, bekommt es vor Augen geführt. Supercharger-Kunden sitzen in der Tesla Lounge. GoFast-Kunden stehen im Regen. Stimmt der Preis nicht, bilden sich beim Lader keine Schlangen, sondern Spinnenweben.

Wer sein Elektroauto lädt, tut das wie hier in Solothurn noch viel zu oft ohne die Annehmlichkeiten einer Überdachung oder eines Kaffees.

Bei AMAG lernte ich diese zweite Welt ohne Tesla kennen. Peter Schmids Frust mit dem hochpreisigen e-tron am falschen Ladepunkt. Wer Tesla fährt, fährt sorgenfrei. Wer wechselt, lernt Allego in Aichstetten und andere Infrastruktur-Enttäuschungen kennen. Der grösste Unterschied war das Ladenetz, egal wie gut das Auto ist.

Die Tankstellen-Lektion

Tankstellenbetreiber verdienen ihr Geld mit dem Shop. Der Treibstoff bringt die Menschen und der Shop bringt die Marge.

Beim Laden ist es heute umgekehrt. Viele Ladepunkte sind nicht mal gedeckt. Kein Wetterschutz oder Kaffee. Höchstens ein Automat. Dafür Wucherpreise pro Kilowattstunde, die elektrisches Fahren teilweise teurer machen als einen V12 Sportwagen. In Solothurn oben im Bild lädt keiner. 70 Rappen die Kilowattstunde und man muss die Autobahn verlassen.

Die Wechselwirkung wäre simpel: Gutes Erlebnis bringt mehr Ladekunden, Umsatz beim Ladeanbietersteigt. Attraktives Ladeangebot bringt mehr Besucher, Umsatz in der Loungesteigt. Beide profitieren, aber eben nur gemeinsam.

Die Ladelounge

Karins Weg: mobile Ladelounges in Containern, vorgefertigt und eingerichtet von jemandem, die zwanzig Jahre langRäume gestaltet hat. Dazu ein richtig guter Kaffee, den du entlang der Autobahnsonst kaum findest.

WLAN, bequemer Sessel,Kaffee und wer lädt, kommt rein. Das Minimum, das einen Ladestopp zumangenehmen Moment macht. Und beim LKW-Pflichtstopp nachts ein Ort, der besserist als ein überfüllter Rastplatz.

Wer einen gutenLadestopp entdeckt hat, kommt wieder.

Karins Weg zum Erlebnis-Ladestopp

Noch weiter geht Karin mit dem abgebildeten Konzept. Es zeigt ihre Vision vom Ladeerlebnis. Attraktive Ladepunkte, guter Kaffee, Meeting-Räume und Lounge. Kommt alles zusammen, sind die Ladepunkte ausgelastet und die Menschen verbringen die 20 Minuten nicht im Auto. Du willst mehr erfahren? Frag Karin nach dem Konzept in voller Auflösung.

Das Timing-Problem

Mit Sun2wheel hat Karin Lösungen für bidirektionales Laden entwickelt. Die Batterie vom Auto wird als Speicher nutzbar. Klingt logisch und kommt auch, aber relevant für solche Geschäftsmodelle in der Breite ist es heute noch zu wenig. Die Fahrzeugflotte ist noch nicht so weit.

Also Pivot. BidiXheisst die Lösung jetzt. Smarte Steuerung von PV-Anlagen und Batterien. Wenn zuviel Solarstrom am Netz ist, drosselt BidiX die Anlage gezielt und weist den entgangenen Ertrag nach. Swissgrid vergütet das aktuell gut.

Karin ist als Miteigentümerin und CFO mittendrin. Stellt den Business Case sicher. Ob sich die Rückvergütung langfristig hält, weiss niemand. Aber es funktioniert heute und finanziert die nächste Entwicklung.

Timing ist auch bei den Ladelounges die zentrale Frage.

Heute sind rund 6 Prozent der zugelassenen Fahrzeuge in der Schweiz elektrisch. Will keiner hören, aber das ist noch eine Nische. Bei den Neuzulassungen liegt der Anteilbei 25 Prozent. Kommt der Anteil im Bestand von 6 auf 60 Prozent, verzehnfacht sich die Anzahl Fahrzeuge, die zum Laden stoppen und das können wir uns heute noch kaum vorstellen.

Gleichzeitig verändert sich die Fahrzeugtechnik. E-Autos werden so schnell vollladen wie Verbrenner tanken. Erste Kracher-Zahlen aus China zeigen den Trend bei Ladegeschwindigkeiten. Autonomes Fahren ist auch mehr die Frage von Wann als von Ob.

Aber: Mensch bleibt Mensch. Biologische Stopps bleiben. Und Fortschritt heisst Wohlstand. Einen guten Kaffee werden wir schätzen. Vielleicht ist es am Ende gar nicht entscheidend, ob sich der elektrische Antrieb durchsetzt. Vielleicht werden es Erlebnislounges für den Zwischenstopp, wo es auch Ladepunkte gibt.

Die Infrastruktur dafür entsteht bereits. In der Schweiz gibt es heute mehr Ladepunkte entlang der Autobahnen als Tankstellen. Auch an Rastplätzen ohne Tankstelle stehen Lader. Aber das Erlebnis dort ist oft keines. Keine Überdachung, kein Service, kein Grund auszusteigen. Die Grundlage ist da. Es fehlt jemand, der sie nutzt.

Heute Erfahrungen sammeln und morgen skalieren. Karin arbeitet am Business Case für heute und am Erlebnis für morgen im Gleichtakt mit der Entwicklung von Fahrzeugbestand und -technik.

Die unbequemen Fragen

Autonome Fahrzeuge. Wo laden die, wenn kein Mensch mehr hält? Die Infrastruktur braucht es trotzdem.

Ladeleistung. Zwölf Ladepunkte mit je einem Megawatt gleichzeitig. Zwölf Megawatt am Standort. Den Anschluss hat heute keine Raststätte in der Schweiz. Wenn die LKWs elektrisch sind, wird die Infrastruktur hinter der Säule das grössere Problem als die Säule selbst. Eine teure Herausforderung.

Was ich sehe

Die Ladebranche denkt in Technik und isolierten Energiepreisen. Karin denkt in Menschen.

Hier schliesst sich der Kreis: Eine Überdachung mit Solar, dazu Wind. Holzkonstruktion mit integrierter Lounge. Selbst erzeugter Strom senkt die Energiekosten am Standort. Eigenverbrauch statt Netzbezug für weniger Anschlussleistung und weniger Netzgebühren. Der Betreiber kann attraktivere Ladepreise anbieten und verdient trotzdem. Am Kaffee, an der Lounge, am Erlebnis.

Karins Lounge macht den Standort zur ersten Wahl. Der Parkplatz wird zum Ladeerlebnis.

Saubere Technologie, so eingesetzt, dass sie Lebensqualität steigert. Eigentlich nicht so kompliziert.

Samuel Schneiderdenkt und baut an der Schnittstelle von Energie, Mobilität und Kommunikation.Solar Ports aus Holz, Consulting für Energie und Automobil, Magazin für das,was er sieht und nicht für sich behalten kann.

MAGAZIN

WAS ICH SEHE, DENKE UND NICHT FÜR MICH BEHALTEN KANN.