

Ich schreibe Jonas auf LinkedIn. Wir kennen uns von der Universität Bern. Er war Doktorand und Dozent in Finance. Ich war Student und das war eine Weile her.
Aus einem Kaffee in Bern werden drei Stunden. Viele gemeinsame Themen. Irgendwann bestellen wir noch etwas und wir merken: Das hier wird kein kurzer Austausch.
Jonas ist kein Ingenieur. Doktor in Finance an der Uni Bern. Das klingt zunächst nach dem falschen Lebenslauf für jemanden, der heute Windturbinen baut. Ist es nicht.
2013 stehen die Halbherrs vor ihm: Vater und zwei Söhne. Sie wollen eine japanische Nanotechnologie zur gezielten Krebstherapie in die Tat umsetzen. Eine Plattform, die Wirkstoffe zielgenau im Körper transportiert. Parkinson stoppen. Krebs gezielt behandeln.
Jonas findet sie verrückt. Nicht strukturiert. Illusorisch. Er belächelt es.
Sein Professor Wälchli sagt: Sei nicht dumm, tu es.
Jonas tut es, wird CFO. Aus dem Plan des Unternehmens InnoMedica wird eine Erfolgsgeschichte. Man könnte sagen: Der Mann hat ein Talent dafür, Dinge zu unterschätzen, die dann gross werden. Die meisten Lösungen, die heute gross sind, haben eines gemeinsam: Gründer, die naiv genug waren, es trotz aller Widerstände doch zu tun.
2025 verlässt er InnoMedica. Denn da gibt es diesen einen hartnäckigen Kontakt in seiner Liste. VentoStream. Eine Familie mit patentierter Windturbinen-Technologie, die anders funktioniert als das, was man kennt. Jonas ging dem nach. Er sicherte die Patente. Holte das Commitment der Familie und des jetzigen CEO Manuel Bernsau und gründete. Jetzt setzt er alles auf eine Karte. CFO. Voll operativ.
An seiner Seite: Manuel, der CEO. Seine Familie hat die Technologie entwickelt. Auch er setzt alles auf VentoStream. Zwei Männer, eine Halle, ein Team, ein Prototyp.

Ich fahre mit dem lokalen Bähnli nach Niederdorf. Am Ortseingang steht ein Axpo-Plakat: "Schweizer Strom braucht Energie-Vielfalt." Ob Axpo wusste, dass ein paar hundert Meter weiter jemand genau daran arbeitet, darf bezweifelt werden. Aber das Timing ist hübsch.
Die Halle ist neu. Die alte in Bubendorf ist abgebrannt, mit den Prototypen. Der Satz klingt lapidar. Ist er nicht. Die Prototypen werden dringend gebraucht für die Messungen im Feld.
Bei meinem Besuch wird gerade das neue Tor installiert. Aus einer unscheinbaren Industriehalle wird in den nächsten Monaten die Heimat der ersten VentoStream-Turbinen. Alles im Umbau.
Als ich durch die Halle gehe, überkommt mich ein Gefühl, das ich kenne. Von Leiser. Damals stand ich in einer ähnlich unscheinbaren Halle und baute Sportwagen elektrisch um. Dieselbe Energie.
Und ich kann nicht anders. Bei jedem Bauteil denke ich: leichter. Naturfasern statt Holzverkleidung. Kennst du das, wenn du nicht aufhören kannst zu optimieren, auch wenn niemand gefragt hat?

Manuel zeigt den Generator. Eines von zwei Herzen. Hier wird Drehbewegung zu Strom. Soweit bekannt.

Dann die Rotorblätter. Das Innenleben. Hier wird es interessant: zwei kombinierte Turbinen in einem Venturikanal. Die Hauptturbine dreht schnell, sehr schnell, um die 4'000 Umdrehungen die Minute schnell. Dahinter eine zweite, grössere Scheibe, die über den Sog durch den Unterdruck angetrieben wird. Die Luft wird über die Windführung der mit gegen 1'000 Umdrehungen die Minuten drehenden grossen Scheibe seitlich nach aussen geführt. Nicht hinten raus aus der Turbine.

Jonas erklärt die Hülle. Hier steckt der Trick: das Venturi-Prinzip. Luft wird durch eine Verengung beschleunigt, ein Unterdruck entsteht. Der Sog aus diesem Unterdruck treibt die hintere grössere Scheibe zusätzlich an. Dazu die vier doppelflutigen Luftkanäle, die optisch an die Turbo-Modelle eines schwäbischen Sportwagenherstellers erinnern. Je nachdem, welcher Kanal geöffnet wird, beschleunigt oder bremst die Turbine.
Zwei Turbinen, ein Gehäuse, mehr Ertrag auf kleinem Raum.
Das ist relevant, weil Wirtschaftlichkeit die Achillessehne kleiner Windturbinen ist. War es immer. Bisher konnte keine lokale Windlösung mit den Grossen mithalten. VentoStream will das ändern. Ob es klappt, zeigen die Felddaten. Die fehlen noch, die Prototypen müssen erst gebaut und installiert werden.

Deine Stromrechnung steigt und geopolitische Unruhen zeigen dir deine Abhängigkeit. Im Winter importiert die Schweiz Strom. Jede Kilowattstunde, die wir nicht selbst produzieren, macht uns abhängiger.
Solar ist ein Teil der Antwort. Aber nur ein Teil. Solar liefert im Sommer, tagsüber. Im Winter, nachts und bei schlechtem Wetter ist Pause. Keine Batterie der Welt überbrückt das wirtschaftlich. Stunden, ja. Tage und Jahreszeiten? Nein.
Wind ergänzt Solar nahezu perfekt. Grosse Windturbinen produzieren rund zwei Drittel ihrer Jahresenergie im Winterhalbjahr. Zwei Drittel davon nachts.
Die Schweiz hat Wind. Sie muss ihn nur nutzen. Am besten gestern.
Die Analogie zu Solar drängt sich auf: Grosse Windturbinen sind wie Freiflächen-Solaranlagen. Wirtschaftlich versorgen sie ganze Gemeinden und Regionen. Bei Wind: viel Energie auf wenig Fläche. Eine einzige moderne Windturbine liefert mit einer Umdrehung genug Strom für einen Schweizer Haushalt für einen ganzen Tag.
Kleine Turbinen wie VentoStream sind wie Solaranlagen auf Dächern und Parkplätzen. Direkt beim Verbraucher. Teurer pro Kilowattstunde, aber die Netzkosten entfallen beim Eigenverbrauch.
Beide notwendig. Beide komplementär zu Solar. Keine Alternative zueinander.
Womit wir beim schwierigen Punkt wären, der jedem Schweizer mit Weitblick für unseren Wohlstand und Standort sauer aufstossen sollte:
Ich spüre es bereits. Organisierte Windgegner entdecken VentoStream. Nicht, weil sie die Turbine besonders gut finden. Sondern weil sie darin die nächste Munition gegen Windprojekte sehen. "Schaut, es gibt doch Alternativen." So ähnlich wie Taktiken der Ölkonzerne bei der E-Mobilität.
Das ist gefährlich. Und falsch. Kleine Turbinen ersetzen grosse nicht. Sie ergänzen sie. Wer nur auf kleine setzt, hat nicht genug wirtschaftliche Energie für eine Gemeinde. Wer nur auf grosse setzt, verpasst das dezentrale Potential am Standort.
Und seien wir ehrlich: Spätestens wenn diese Gegner Turbinen mit 3.5 Meter Durchmesser auf Dächern sehen, implodieren ihre Argumente im Venturi-Unterdruck.
Dazu kommt die Schweizer Realität: Nichts ist heiliger als Bauland und dessen optimale Ausnutzung. Technische Bauten zählen zur Gebäudegesamthöhe. 3.5 Meter auf dem Dach sind 3.5 Meter weniger nutzbares Gebäude oder 3.5 Meter mehr Gebäudehöhe, die bewilligt werden muss. Das wird eine der Herausforderungen, die VentoStream und die Branche lösen müssen. Mit einer kleineren Turbine unter 2.7m oder mit angepassten Rahmenbedingungen.

VentoStream ist Entwickler und Produzent von Windturbinen. Jonas und Manuel denken in Leistungsdaten, Prototypen, Zertifizierungen, Produktion.
Aber als ich durch die Halle gehe und zuhöre, merke ich, wo das Potential über die Turbine hinausgeht. “It's not about the product“ habe ich von den besten Verkäufern gelernt. Das beste Produkt ist nichts, ohne die richtige Geschichte. Aus der Kommunikation vieler Hersteller in Energie- und Mobilität habe ich gelernt: Leistungsdaten und selbstverliebte Kommunikation von innen nach aussen interessieren bei Entscheidungen keine Sau. Reduzierte Energiekosten, wirtschaftliche Flexibilität, lokale Erzeugung zum Eigenverbrauch ohne Netzkosten, Standortvorteil — das sind die relevanten Hebel bei denen, die die Turbinen an ihren Standorten installieren sollen.
Hier kommt zusammen, was ich in den letzten Jahren in Elektromobilität und erneuerbaren Energien gelernt habe. Die Technologie ist selten das Problem. Die Brücke zum Menschen ist es.
VentoStream ist ein fehlendes Puzzleteil im Schweizer Energiemix. Eine Zutat, die bisher gefehlt hat. Jetzt braucht es Feldversuche, Daten, eine starke Geschichte und Menschen, die aufhören, Technologien gegeneinander auszuspielen.
Und eine Halle in Niederdorf, in der gerade ein neues Tor eingebaut wird.
Samuel Schneider denkt und baut an der Schnittstelle von Energie, Mobilität und Kommunikation. Solar Ports aus Holz, Consulting für Energie und Automobil, Magazin für das, was er sieht und nicht für sich behalten kann.