
Ich höre den aktuellen All-In Podcast. Anthropic, die Macher von Claude, mieten die gesamte Rechenkapazität von Colossus 1 in Memphis, Tennessee. Dem grössten KI-Rechenzentrum der Welt.
Ich denke sofort: Was bedeutet das für die Schweiz? Die Schweiz ist so voll wie ihre Stromnetze und in diesem Dschungel der Einschränkungen etwas zu bauen macht kaum mehr Spass.
Colossus 1 ist mehr Lernbeispiel als Vorbild.
220'000 GPUs. Rund 400 MW Energiebedarf. Um die langsame Netzaufschaltung zu umgehen: 35 mobile Gasturbinen direkt vor Ort führen zu Klagen wegen illegaler Luftverschmutzung. Und das Ziel: Colossus 2 mit 500'000 GPUs und 2 Gigawatt Gesamtleistung.
Nachträglich folgen 30 MW Solar auf dem Gelände. Und 168 Tesla Megapacks mit 655 MWh Speicherkapazität. Doppelt so viel wie ganz Spanien Ende letzten Jahres hatte.
Paweł Czyżak, Energie-Analyst und Beobachter der Rechenzentren-Thematik in Europa, stellt die berechtigte Frage: Hätte man das von Anfang an besser machen können? Ja: Phasierter Netzanschluss, grössere Solaranlage, Windkraft, Batteriespeicher direkt integriert.
Und genau hier liegt die Herausforderung für die Schweiz. Integriert und nicht nachträglich denken. Von Anfang an, weil wir ohne Platz nicht anders können.
Im All-In Podcast wird eine These diskutiert die mich nicht loslässt:
Zwischen Energie-Input und KI-Output besteht eine lineare Beziehung.
Mehr Energie = mehr Rechenleistung = mehr KI-Kapazität = mehr wirtschaftliche Macht.
Elon Musk versteht das besser als die meisten. Deshalb baut er nicht einfach ein Rechenzentrum. Er baut Colossus, Tesla Powerwall, Supercharger und Starlink als ein System. Energie und Intelligenz sind bei ihm dasselbe.
Wer die Energie kontrolliert, kontrolliert die Intelligenz. Wer die Intelligenz kontrolliert, kontrolliert den Wohlstand von morgen.
Das führt zu einer unbequemen Frage, die Paweł Czyżak stellt: Wer profitiert wirklich wenn das Rechenzentrum auf Schweizer Boden steht aber das Eigentum in Kalifornien sitzt?
Jürg Grossen schreibt: Die Diskussion um den Strombedarf der Rechenzentren wird stark überdreht. +1.4 TWh Mehrbedarf bis 2030, beherrschbar. Der Solarausbau wächst schneller. Kein Drama. Weiter wie bisher.
Ich respektiere dieses Argument. Aber ich glaube, es beantwortet die falsche Frage.
Die Prognose von +1.4 TWh wurde gemacht, bevor KI-Rechenzentren der Colossus-Grössenordnung und das exponentielle Wachstum der Rechenleistung überhaupt diskutiert wurden. Anthropic mietet heute die gesamte Kapazität von Colossus 1. Colossus 2 zielt auf 2 Gigawatt. Die Geschwindigkeit der Entwicklung schlägt jede Prognose und der Engpass dreht vom Chip zur Energie.
Grossen fragt: Wie versorgen wir Rechenzentren mit Strom?
Wie wird die Schweiz zum Produzenten und nicht abhängigen Konsumenten der Energie-Intelligenz-Währung?
Das ist nicht dieselbe Frage und die Antwort darauf legt die Grundlage für unseren Wohlstand von morgen.
Paweł Czyżak zeigt in seiner Analyse: Die Schweiz gehört bereits heute zu den saubersten Stromstandorten Europas. Unter 150 gCO2/kWh — zusammen mit den Nordics, Frankreich und Portugal. Ein Effizienz-Standortvorteil, der kaum kommuniziert wird.
Und Effizienz zahlt sich aus. Googles Rechenzentrum in Dänemark erreicht einen PUE von 1.07. PUE (Power Usage Effectiveness) misst, wie viel der eingesetzten Energie tatsächlich für Rechenleistung genutzt wird. 1.0 wäre perfekt. Der globale Durchschnitt liegt bei rund 1.5. Googles 1.07 bedeutet also: fast ein Viertel effizienter als der weltweite Durchschnitt. Bei einer Anlage mit 120 MW Kapazität sind das 7 Millionen CHF jährliche Einsparungen durch Effizienz.
Gleichzeitig kämpft ganz Europa aktiv um Rechenzentren. UK bietet KI-Wachstumszonen mit Netzpriorität. Deutschland beschleunigt Netzanschlüsse und verlangt Wärmerückgewinnung. Frankreich bietet subventionierte Energie für effiziente Zentren. Finnland incentiviert Projekte, die Fernwärme ins Netz einspeisen. Portugal baut eine 100% erneuerbar betriebene Investitionszone in Sines.
Die Schweiz fehlt in dieser Liste. Staatliche Förderungen und Eingriffe sind traditionell umschweizerisch und das war lange ein Vorteil. Doch die Staatsquote wächst auch hier, Bauvorschriften werden lähmender, und wer neue Lösungen bauen will, kämpft zunehmend gegen Regulierung statt für Fortschritt.
Fast wie gerufen steht das Axpo-Plakat am Standort, den ich für den Visual genutzt habe. Darauf steht: "Schweizer Strom braucht Energie-Vielfalt." Wind, Biomasse, Wasser, Solar, Speicher. Alles auf einem Bild. Der grösste Schweizer Stromkonzern kommuniziert es bereits auf Plakatwänden. Er hat Recht, auch wenn er zu zentral denkt.

Die eigentliche Erkenntnis: Nicht gegeneinander, sondern miteinander. Nicht nur auf nationaler Ebene, sondern dezentral, an jedem Standort.
Solar liefert vor allem im Sommerhalbjahr an schönen Tagen und lässt eine Lücke im Winterhalbjahr, nachts und bei wenig Sonne. Das Dach der Industriehalle ist die günstigste Solarfläche, aber sie ist begrenzt. Naheliegend kommt der Parkplatz mit zusätzlicher PV-Leistung dazu. Aber gerade für energieintensive Anwendungen wie Rechenzentren reicht Solar allein nicht. Es braucht zu viel Fläche für zu wenig Jahresertrag.
Wind ist die ideale Ergänzung von Solar. Grosse Windturbinen produzieren jeweils zwei Drittel ihrer Jahresenergie im Winterhalbjahr und nachts. Eine einzelne moderne Windturbine versorgt mit einer einzigen Umdrehung einen durchschnittlichen Schweizer Haushalt für einen ganzen Tag. Pro Jahr versorgt sie rund 1'000 bis 2'000 Haushalte — auf einer sehr kleinen Grundfläche. Kein anderer erneuerbarer Energieträger erreicht dieses Verhältnis von Fläche zu Ertrag. Kleine lokale Turbinen wie Ventostream produzieren weniger, aber mit demselben komplementären Profil: mehr im Winter, mehr nachts und dort wo grosse Turbinen keinen Platz haben. Beide sind notwendig und ergänzen Solar perfekt.
Batteriespeicher überbrücken als Zeitmaschinen die Lücken. Aber Stunden, denn für ganze Tage oder gar Jahreszeiten sind sie wirtschaftlich nicht geeignet. Wer nur auf Speicher setzt, löst das Grundproblem nicht. Wer Solar und Wind kombiniert, braucht den Speicher nur noch für die kurzen Lücken dazwischen. Und dann kann der Speicher mehr als überbrücken: Er kann netzdienlich sein und dabei Einkommen generieren. Er erhöht den Eigenverbrauch und damit die Wirtschaftlichkeit der gesamten Anlage. Der Speicher ist Geschäftsmodell.
Zusammen sind Solar, Wind und Speicher ein für sich unabhängiges, integriertes, erneuerbares Kraftwerk, das rund um die Uhr, das ganze Jahr, saubere Energie produziert.
Kleine lokale Windturbinen werden von manchen organisierten Windgegnern bereits als Argument gegen grosse Windprojekte aufgebaut. Das ist ein gefährlicher Irrtum, von dem wir uns nicht täuschen lassen sollten.
Kleine Turbinen ersetzen grosse nicht. Sie ergänzen sie. Wer nur auf kleine setzt, bekommt nicht genug wirtschaftliche Energie für ganze Regionen. Wer nur auf grosse setzt, vergibt das dezentrale Potential kleiner Turbinen am Standort.
Die Energiewende braucht beides.

Die Schweiz kann nicht beim Gigawatt-Rennen mitmachen. Die Alternative ist dezentralisierte Konsequenz.
Solar | Solarausbau läuft. Solar Ports auf versiegelten Parkplätzen, die Strom produzieren, Autos laden und Besucher schützen — ohne Landschaftskonflikt. Flächen, die bereits genutzt werden, werden nun doppelt genutzt.
Wind | Grosse Turbinen wo der Standort stimmt: wirtschaftlichster Strom, der ganze Regionen besonders dann versorgt, wenn Solar nicht reicht. Und neue Ansätze wie Ventostream: kompakte Turbinen direkt am Standort, wo klassische Windräder kein Eignungsgebiet haben. Beides ist notwendig. Beides ergänzt sich.
Speicher | BESS entlasten Netze, speichern Überschuss und ermöglichen neue Geschäftsmodelle.
Fernwärme | Rechenleistung produziert viel Abwärme. Diese Wärme in Fernwärmenetze einspeisen statt sie zu verschwenden. Finnland heizt ganze Städte mit Serverabwärme. Die Schweiz könnte es nutzen, um Fernwärme zum Standard für angrenzende Bauten zu machen.
Holzbau | Erneuerbare Energie, gebaut auf erneuerbaren Materialien. Modular, schnell, wirtschaftlich. Und ein Schweizer Handwerk, das weltweit respektiert wird.
Einzeln sind das bekannte Zutaten. Zusammen, integriert gedacht, dezentral, sind sie das Schweizer Taschenmesser der Energie-Intelligenz-Ökonomie.

In Laufenburg AG entsteht bis 2028 etwas Einzigartiges in Europa. FlexBase baut dort auf über 40'000 m² den weltweit grössten Redox-Flow-Batteriespeicher — kombiniert mit einem KI-Rechenzentrum, Fernwärmenetz und Forschungszentrum. 27 Meter tief in der Erde. Eine Baugrube so gross wie zwei Fussballfelder. Kosten zwischen 1 und 5 Milliarden Franken.
FlexBase ist zu 100% in Schweizer Hand. Ohne staatliche Beteiligungen. Privat finanziert.
Der Standort ist kein Zufall — Laufenburg ist ein Knotenpunkt in Europas Stromnetz. 1958 wurden hier die Stromnetze Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz zum ersten Mal zusammengeschaltet. Direkter Anschluss an der höchsten Netzebene der Schweiz. Nahezu null Verlustleistung.
Das ist integriert gedacht. Von Anfang an. Ohne nachträgliche Gasturbinen.
Aber es ist ein einziges, einmaliges Milliardenprojekt. Was die Schweiz zusätzlich braucht, ist die Modularisierung und dezentrale Ausrollung dieser Idee.
Die Frage ist auch, wem die Infrastruktur gehört, die Energie und daraus Intelligenz produziert.
Bei den Bürgerwindparks bleibt die Wertschöpfung in der Region. Die Gemeinde besitzt die Turbine, nicht ein auswärtiger Konzern, der die Gewinne abführt. Solarify demokratisiert Solar-Investitionen durch Crowd-Finanzierung. Die Bevölkerung partizipiert statt nur zu konsumieren. Eigentümer statt Konsument.
FlexBase beweist: Es geht ohne Staat, ohne Abhängigkeit von aussen. 100% Schweizer Hand. Das ist das Modell.
Ein Rechenzentrum auf Schweizer Boden, das einem ausländischen Konzern gehört, produziert lokale Intelligenz aber die Wertschöpfung fliesst ab. Ein Rechenzentrum in lokaler Hand, betrieben mit lokaler Energie, wird zum nachhaltigen Standortfaktor.
Paweł Czyżak stellt diese Frage explizit: Wer profitiert wirklich, wenn das Eigentum woanders sitzt? Seine Antwort: Europa braucht nicht nur Infrastruktur, sondern ein ganzes Ökosystem. Made in Europe, owned by Europe.
Die Schweiz war schon immer dann am stärksten, wenn sie auf sich selbst gezählt hat. Eigentümerschaft vor Ort ist nicht Protektionismus, sondern einfach konsequent.
FlexBase ist der Leuchtturm. Ein strategischer Standort, einmalig, tief verwurzelt im wichtigsten Netzknoten Europas.
Was die Schweiz zusätzlich braucht, sind die modularen dezentralen Einheiten.
Ich denke an dezentrale Holzbau-Energie-Hallen für Rechenzentren. Kleinere Einheiten, ausrollbar an vielen Schweizer Standorten.
Dach, Fassade, Zaun und Parkplatz mit Solar PV. Windenergie mit grossen Turbinen in der Gemeinde und Ventostream direkt am Gebäude. Batteriespeicher. Abwärme ins lokale Wärmenetz. Gebaut aus Holz: schnell, modular, nachhaltig, ohne Netzbezug und damit politisch kein Konkurrenzkampf zwischen bestehenden Stromverbrauchern und neuen Rechenzentren, die Energiepreise treiben würden.
Ich denke integriert. Solar, Wind, Speicher, Holzbau, Ladeinfrastruktur, Fernwärme. Ich baue Solar Ports, begleite Windprojekte, denke über dezentrale Energielösungen nach.
Aber ich bin kein Rechenzentren-Experte. Ich bin neugierig.
Was übersehe ich? Wer denkt in diese Richtung? Was ist in der Schweiz möglich und mit wem?
Energie ist Intelligenz. Intelligenz ist Wohlstand. Ich suche die Menschen, die es mit mir zusammensetzen.
Was denkst du? Ich freue mich auf Inputs — hier in den Kommentaren oder direkt.
Samuel Schneider denkt und baut an der Schnittstelle von Energie, Mobilität und Kommunikation. Solar Ports aus Holz, Consulting für Energie und Automobil, Magazin für das, was er sieht und nicht für sich behalten kann.