
Dann stand ich im Untergeschoss von Weibels und sah ihn. Nein, nicht den aus Keramik. Den echten.
Ein schwarzer Ferrari F355. GTS, bei dem sich das Dach öffnen lässt, ohne die Form zu zerstören. Irgendwo zwischen Cabrio und Coupé, mit direkter Audio-Verbindung zum Orchester im Heck.
Nicht das wertvollste Auto im Raum. Aber eines, das ich aus meinem Kinderzimmer kannte.

Von aussen ein Garagenbetrieb am Rand des Altstädtchens. Unten eine Welt, die man nicht erwartet. 2021 haben Weibels die Fläche vom ehemaligen Coop-Supermarkt unter ihrem Betrieb übernommen. Aus der Einkaufsfläche wurden Museum und 64 Betten auf Marmorboden für Gäste auf vier Rädern.
Lagerung ist das falsche Wort. Wer sein Auto hierherbringt, gibt es in die Ferien. Zu Menschen mit derselben Leidenschaft und der Erfahrung, solche Fahrzeuge zu betreuen. Zugang per Badge und Autolift. Check-out, wenn der Besitzer den Gast ausführt.
Eine Oase, versteckt im idyllischen Aarberg. Eine Geschichte, die viel zu gut ist, um sie nicht zu erzählen.
Als Kind hingen Ferrari-Poster an meiner Wand. Der F50, rot und unerreichbar. Später wusch ich in den Herbstferien Autos bei der AMAG in Biel, um 911er zu sehen. Durfte am 14. Geburtstag mit einem 911er mitfahren. Ich arbeitete für Porsche am Autosalon und im damals neuen Porsche Zentrum.

Dann kam der Tesla Roadster. Die Liebe auf den ersten Blick, die meine Welt auf den Kopf stellte. Mit jedem elektrisch gefahrenen Kilometer verloren neue Verbrenner-Sportwagen ihren Reiz. Sie sind zu gut geworden.
Mein letzter Verbrenner-Sportwagen? Ein Aston Martin. Peak-Design aus Gaydon, Kaltstart-Gebrüll. Und trotzdem fuhr ich ihn immer weniger. Er stand. Bis ich ihn verkaufte.
Die neusten Sportwagen sind technisch beeindruckend. Nur sind sie für den Kontrast zum Alltagsauto zu gut geworden. Zu leise, zu vernünftig, zu nah an dem, was der automobile Alltag schon kann.
Mit einem 996 oder einem Ferrari 355 ist es anders. Beschleunigen und Klang, ohne gleich jede Regel zu brechen. Diese Autos liefern den Kontrast und die Verbindung zur Maschine, die bei den modernen Sportwagen nicht mehr reicht.
Und genau solche Autos stehen hier unten.
Ein besonderes Auto ist für den besonderen Moment. Für die Flucht aus dem Alltag.
Nur: Ein Auto, das selten bewegt wird, braucht Aufmerksamkeit. Batterie, Reifendruck, Öl. Wenn der Moment kommt, will man fahren. Einsteigen und los. Nicht hoffen, dass er anspringt.
Wer sein besonderes Auto in der eigenen Garage stehen hat, kennt das Gefühl.

Weibels haben in Aarberg die Antwort gebaut. Die Idee, die eigentlich zwei sind: ein Museum für die eigene Sammlung historischer Volkswagen und ein Autohotel für Gäste auf vier Rädern. Mit dem Fahrzeugaufzug geht es hinunter, für Gäste wie für Ausstellungsstücke.

Urs schlägt ein Buch auf. Schnittzeichnungen, von Hand, kein CAD. Ein Geschenk, nicht käuflich.
Die Geschichte dahinter: Ernst Piëch, Enkel von Ferdinand Porsche, wollte in seinem Salzburger Museum jedes Auto versammeln, das auf die Porsche-Familie zurückgeht. Vorne im Buch der vollelektrische Lohner-Porsche von 1901, hinten der Käfer von 1939.
Einer fehlte. Also kam Wolfgang Franke nach Aarberg und skizzierte auf Basis von Urs' Käfer, notierte jedes Detail. Franke zeichnet nicht am Computer. Alte Schule, Airbrush, doppelte Grösse, Atelier in Cannes. Ein paar seiner Bilder bekam Urs zum Buch dazu. Sie hängen heute in den Gängen in Aarberg.
Für den Aarberger Käfer bekam Urs das Buch geschenkt. Ein Einzelstück. Eine von vielen Geschichten, die es nur hier gibt.

Urs hat drei VW-Busse unten stehen. Geschichten auf Rädern, mit denen er handelt.

Daneben ein T2 Joker, unrestauriert, mit lückenloser Historie. Urs hat nicht gezögert und ihn in den Bestand genommen. Er ist bereits wieder verkauft.
Für Urs sind Autos keine reinen Objekte. Sie sind Geschichten und Handelsware zugleich.

Die umgebauten Bullis, bekannt aus der TV-Sendung GRIP. Der FB1 Renntaxi-Umbau: T3-Basis, T1-Aufbau, im Herzen ein Porsche-993-Turbo-Motor. Der gelbe T3 Pickup mit V8 aus einem Audi S6. Weibels machen keine halben Sachen.
Andreas ist der Schrauber der beiden Brüder. Er zerlegt klassische Fahrzeuge und baut sie besser wieder zusammen. Seine Leidenschaft: der elektrische Umbau von Klassikern.
Angefangen hat es 2015. Ein Freund fragte ihn für ein Vater-Sohn-Projekt, und Andreas wusste sofort: Den elektrischen Umbau kann ich selbst. Ein Jaguar E-Type für den Freund, ein VW T2 für ihn. Doch bevor eine Schraube gedreht war, kam die Bürokratie. Vier Jahre lang klärte er mit Strassenverkehrsämtern, mit FAKT und DTC, was überhaupt zulassbar ist. Die Erkenntnis: Ein Umbau auf Basis eines Kit Cars oder Neuwagens hat in der Schweiz keine Chance. Also ein bestehendes Fahrzeug nehmen und umbauen. Den Hochvolt-Kurs dazu machten sie bei der AMAG.

Das Ergebnis steht heute im Museum und ist seit dem Umbau 14'000 Kilometer gefahren. Läuft, macht Spass. Der Reiz war nie das fertige Auto, sondern der Bau selbst. Das technisch Machbare.

Der Defender neben uns ist elektrisch umgebaut, in Irland. Zu Weibels kam er für den schwierigsten Teil: die Zulassung. Und das ist ihre Spezialität: Fahrzeuge zugelassen zu bekommen, an denen andere scheitern. Denn die Schweiz ist nicht die EU. Eine EMV-Zertifizierung auf Komponentenbasis zählt hier nicht. Das gesamte Fahrzeug muss ins Labor und den EMV-Test bestehen, den selbst das nicht umgebaute Original kaum bestehen würde. Zwei Jahre steht der Defender inzwischen hier. Ich kann von den elektrischen 911ern mit Leiser ein Lied davon singen, wie umständlich dieser Weg in der Schweiz ist.

Daneben ein originaler Golf 1 GTI von 1979, gerade neu in der Sammlung. Ein silberner dieses Jahrgangs war Andreas' erster Neuwagen. Der elektrische Defender und der originale GTI, kein Widerspruch. Dieselbe Leidenschaft, zwei Generationen.

Wer sein Auto selbst pflegen will, kann das hier. Waschecke und Hebebühne stehen bereit. Kein Standardlift, sondern eine Spezialanfertigung für Fahrzeuge bis 2,9 Meter breit und 6 Meter lang, der geradeso hineinpasst.

Ein kleines Detail verrät viel über den Ort: Du bist kein Kunde. Du bist Gast. Willst du selbst schrauben, bitte. Willst du nicht, kümmern sich Weibels ums Wellness-Programm fürs Auto.

Urs und Andreas kenne ich aus AMAG-Zeiten. Seither treffen wir uns immer wieder. Gespräche über den Markt, über Elektromobilität, über die Autos, die uns bewegen.
Oben: Verkauf und Werkstatt für moderne Autos. Immer mehr elektrisch. Sie gehen in der Region seit Jahren für die Elektromobilität voran.

Unten: das Besondere. Eigene Projekte, Sammlung, Gäste im Hotel.
Sie spielen nicht Elektro gegen Verbrenner aus. Sie verbinden zwei Welten unter einem Dach. Genau das, wonach ich selbst suche.

Mitten im Museum steht eine Lounge, umringt von historischen Fahrzeugen. Hier setzt man sich hin, trinkt einen Kaffee und redet über Autos. Über die im Raum, die im Traum und über die, die man mal hatte. Wer sein Auto im Hotel abgibt, findet hier die automobile Interpretation der Hotellobby.
Das ist vielleicht der grösste Schatz hier unten, und der am meisten unterschätzte. Für Weibels ist es Alltag. Für alle anderen ist es ein Ort, den es so kein zweites Mal gibt. Ein Treffpunkt für Menschen, die dieselbe Sprache sprechen. Nur wissen das noch viel zu wenige.
Ich habe im Moment kein Auto, das ins Autohotel gehört. Was ich fahre, steht bei mir und wird täglich genutzt.
Aber ich verstehe genau, wofür dieser Ort da ist. Und wenn ich mir wieder ein Spassfahrzeug zulege, ein Investment mit Fahrspass-Dividende, dann ist das Autohotel die Antwort.
Vielleicht ist das ehrlicher als jede Werbung.
Die Veränderung beschleunigt sich. Das E-Auto übernimmt den Alltag, für den es gemacht ist. Leise, komfortabel, wirtschaftlich. Genau darum werden die besonderen Autos seltener, wertvoller, begehrter. Sie liefern den Kontrast, den der perfekte Alltag nicht mehr braucht.
Und dieser Kontrast braucht einen Ort. Eine versteckte Oase, betrieben von Menschen, die Autos nicht nur reparieren, sondern verstehen. Wo das besondere Auto gut aufgehoben ist, bis der Moment kommt, es zu fahren.
Aarberg. Untergeschoss. Wer es einmal gesehen hat, vergisst es nicht.
Samuel Schneider denkt und baut an der Schnittstelle von Energie, Mobilität und Kommunikation. Solar Ports aus Holz, Consulting für Energie und Automobil, Magazin für das, was er sieht und nicht für sich behalten kann.